All inclusive: Der Aktivist Raúl Krauthausen

Auf Mitleid kann er verzichten. Stattdessen setzt sich Raúl Krauthausen ein für mehr Barrierefreiheit – auf den Straßen und in den Köpfen. Sich selbst und seine eigene Behinderung nimmt der Berliner dabei nicht allzu ernst.

Wenn Raúl Aguayo-Krauthausen unterwegs ist, fällt er auf. Die Leute drehen sich nach ihm um. Doch zu kommentieren, was sie sehen – das trauen sich meist nur die Kinder. „Guck mal Papa, ein Baby-Mann! Wieso ist der so klein?“, wollen sie wissen. Raúl Krauthausen muss schmunzeln, wenn er die Fragen hört. Vielen Eltern jedoch treibt die unvoreingenommene Wissbegierde ihrer Sprösslinge Schweißperlen auf die Stirn. Die Kleinen werden gemaßregelt – „Da guckt man nicht hin!“ – und weitergezerrt. Schade. Chance verpasst. Hätten sich auch die Großen mal getraut und ihre Kinder nachfragen lassen, dann hätte Raúl Krauthausen ihnen erklären können, dass er mit Glasknochen zur Welt gekommen ist. Osteogenesis imperfecta heißt die korrekte Bezeichnung für diesen Gendefekt, bei dem die Knochen schneller brechen und der bei Krauthausen mit Kleinwüchsigkeit einhergeht. Laufen hat der 34-Jährige nie gelernt – zu gefährlich, die Beine könnten brechen. Deshalb sitzt er im Rollstuhl.

„Eine Behinderung ist eine Eigenschaft von vielen“

Für viele klingt das tragisch. Ist es aber nicht, findet Raúl Krauthausen, denn es ist sein Leben, es war nie anders. „Die Behinderung ist nur eine Eigenschaft von vielen, aber nicht die beherrschende“, sagt er. Es ist nicht sein Wunsch, laufen zu können, auch wenn ihm das kaum jemand glauben will. Was er sich wünscht, ist ein weniger verkrampfter Umgang mit dem Thema Behinderung. Viel zu oft werde Behinderung nur mit Leid in Verbindung gebracht, dabei sollte es vor allem um Selbstbestimmung und Teilhabe gehen, findet er. Und dafür setzt er sich ein – auf allen Kanälen: Wann immer es um Inklusion oder Barrierefreiheit geht, ist Krauthausen einer der gefragtesten Köpfe. Er spricht auf der Internetkonferenz re:publica ebenso wie auf dem Kirchentag, ist beliebter Interviewpartner und regelmäßiger Talkshowgast. Kein Wunder. Raúl Krauthausen ist ein angenehmer Gesprächspartner. Einer mit einer klaren Meinung, der trotzdem die Deutungshoheit nicht gepachtet hat. Und vor allem einer, der weiß wovon er spricht und wie es sich anfühlt, nachts allein mit Rollstuhl am U-Bahngleis zu stehen und festzustellen: Der Aufzug zum Ausgang ist kaputt.

Engagement für Behindertenrechte? Für Raúl Krauthausen lange Zeit keine Option

Es scheint logisch, dass sich so jemand für die Rechte von Behinderten stark macht. Für den Berliner selbst war diese Rolle allerdings lange Zeit undenkbar. 1980 in Peru geboren, ist Raúl Krauthausen in Berlin aufgewachsen, in einer „sehr privilegierten Situation“, wie er selbst sagt. „Meine Eltern waren noch sehr jung, als ich auf die Welt kam. Ihnen war wichtig, dass ich in einem Netzwerk aufwachse, in dem sie sich auch selbst entfalten können“, erzählt der selbsternannte „Glasknochenbesitzer“. Statt in Watte gepackt zu werden, war er von Kind auf immer mit von der Partie – auch auf die Gefahr hin, dass ein Knochen brach, was tatsächlich unzählige Male passierte. In Berlin besuchte Raúl Krauthausen die erste inklusive Schule Deutschlands, hatte Freunde, auf die er sich verlassen konnte und Eltern, die ihm das Vertrauen gaben, „dass alles möglich ist, was ich mir vornehme“. Trotzdem kamen irgendwann die Zweifel: bei Sportwettkämpfen, an denen Raúl nur außer Konkurrenz teilnahm. Bei Kuschelpartys, auf denen ihn niemand zum Tanzen aufforderte. Als Teenager begann er seine Behinderung abzulehnen, die ihn in eine Sonderrolle drängte, die er nicht haben wollte.

Sozialhelden wollen „Einfach mal machen“

Auch mit seinem 2004 gegründeten Verein „Sozialhelden“ wollte sich Raúl Krauthausen anfangs für alle möglichen sozialen Belange einsetzen – nur nicht für Menschen mit Behinderung. Wie es kommt, dass er nun doch zum „Berufsbehinderten“ geworden ist, der er eigentlich nie sein wollte? „Das ist dann einfach irgendwann so passiert“, sagt er mit seinem leichten Berliner Zungenschlag und lacht. Frei nach dem Motto „Einfach mal machen“ ist es heute erklärtes Ziel der Sozialhelden, die Inklusion in Deutschland voranzubringen – und dabei Spaß zu haben. Das derzeit größte Projekt des Vereins heißt Wheelmap.org. Dahinter steckt eine digitale Landkarte, auf der jeder barrierefreie Orte finden, eintragen und bewerten kann. Der Erfolg dieses Angebots hat die Sozialhelden selbst überrumpelt: Über 500.000 Einträge gibt es bereits auf der Wheelmap, täglich werden es mehr. Es sind Ideen wie diese, für die Raúl Krauthausen brennt und er sprüht vor Energie, wenn er darüber spricht, was als nächstes kommt.

Ausgebremst vom Staat

Kann so einer auch mal sauer werden? Er kann! Und zwar sobald er anfängt zu erzählen, wie er in seinem Tatendrang ausgebremst wird – vom Staat. Weil das Sozialamt die Assistenz bezahlt, die er im Alltag braucht, fällt Krauthausen unter die Regelungen des Sozialgesetzbuches IX. Obwohl er erfolgreicher Unternehmer und Arbeitgeber von acht Angestellten ist, darf er nicht mehr als den doppelten Hartz-IV-Satz verdienen und nicht mehr als 2600 Euro ansparen. Vermögen bilden, fürs Alter vorsorgen? Unmöglich. „Wut und Hilflosigkeit“, so Krauthausen, empfinde er angesichts dieser Situation: „Nicht-Behinderte meinen zu wissen, was ich verdienen darf und erlegen mir Grenzen auf, die mit meiner Behinderung nichts zu tun haben.“ Hinschmeißen will er deswegen nicht. „Momentan ist es noch so, dass ich sage: Jetzt erst recht“, so Krauthausen. Aber er fügt hinzu: „Die Frage ist nur: Wie lange hält man so was aus?“

 

Zur Person

Raúl Aguayo-Krauthausen hat in Berlin Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert und in Potsdam Design Thinking. Er hat beim Radio und in Werbeagenturen gearbeitet und sich 2010 mit seinem Verein „Sozialhelden“ selbstständig gemacht. Seit 2013 ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande. 2014 erschien seine Biografie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“. Raúl Krauthausen ist in einer festen Beziehung und lebt in einer Berufstätigen-WG in Berlin-Kreuzberg. Ein Wunsch für die Zukunft? „Vielleicht irgendwann mal am Meer leben. In einem Land, wo am Meer leben Spaß macht…“ npo

(erschienen in der Rhein-Neckar-Zeitung am 6.6.2015)

 

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