Hochbegabung – ein anstrengendes Geschenk

Foto: fotolia Text: NPollakowsky_Hochbegabung

Anderssein ist nicht so einfach. Auch nicht wenn man schlauer ist als die meisten anderen. Viele hochbegabte Kinder sind hin- und hergerissen zwischen ihren speziellen Interessen und dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Ihre Eltern wünschen sich oft vor allem eines: Normalität. (Foto: fotolia)

Schon über ein Jahr bevor sie in die Schule kam, konnte Sophie fließend lesen. Nach der ersten Klasse schlug ihre Lehrerin sie für einen Test vor. Ergebnis: hochbegabt. Der Unterricht in den Anfangsjahren hielt wenige Herausforderungen für die Schülerin bereit. Aber zusätzlich durfte Sophie Kurse an einer der Hector-Kinderakademien in Heidelberg besuchen, in denen besonders begabte und interessierte Kinder gefördert werden. „Sophie hat das genossen“, sagt ihre Mutter. Inzwischen ist Sophie im Gymnasium und nach wie vor Klassenbeste. Ehrensache für die 13-Jährige.

Grübeln über Astronomie und den Sinn des Lebens

Lena war zwei Jahre alt, als sie während einer Autofahrt wissen wollte: „Wieso überholen wir eigentlich immer links und nicht rechts?“ Mit vier konnte Lena lesen. Seit sie fünf ist, begeistert sie sich für Astronomie. Mit ihrem Papa spielt sie Schach, mit ihrer Mama diskutiert sie über den Sinn des Lebens. Mit ihren sieben Jahren besucht Lena derzeit die vierte Klasse und wird im kommenden Sommer – mit acht – aufs Gymnasium wechseln.

Wie lebt es sich mit einem IQ von 130+ ?

Zwei Kinder, zwei noch kurze Lebensgeschichten, die einen jetzt schon verwundert die Augen reiben lassen. Wow, hochbegabt! Im Englischen gibt es einen schönen Ausdruck dafür: gifted children, beschenkte Kinder. Wie lebt es sich mit so einem Geschenk? Wie geht man damit um? Antworten auf diese Frage zu bekommen, ist schwieriger als gedacht. Nach der allgemeinen Definition gelten Menschen ab einem IQ von 130 als hochbegabt – in Deutschland sind das etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Doch kaum jemand von den „Betroffenen“ will den eigenen Namen in Zusammenhang mit dem „H-Wort“ lesen. Denn viele Hochbegabte und ihre Familien wünschen sich vor allem eines: Normalität. Doch die ist nicht so einfach zu finden, wenn man anders ist als die meisten anderen.

Oft ist die Skepsis gegenüber Hochbegabten groß

„Hochbegabte stehen in einem ständigen Konflikt: Auf der einen Seite gibt es den Wunsch nach Zugehörigkeit. Andererseits wollen die Kinder sie selbst sein und ihre spezielle Begabung entfalten“, erklärt die Psychologin und Expertin für Begabungsdiagnostik Christine Frotscher aus Ludwigshafen. Diesen Zwiespalt kennt auch Susanne, die Mutter von Lena. Auch bei Lenas kleineren Schwestern zeichnet sich eine Hochbegabung ab. Der größte Wunsch der Eltern ist es, ihre Töchter normal aufwachsen zu sehen und gleichzeitig den besonderen Bedürfnissen der Mädchen gerecht zu werden, auch wenn deren Interessen oft nicht altersgemäß erscheinen. So hat Lena zum Beispiel ihr Interesse für Chinesisch entdeckt. Doch mit Bekannten spricht Susanne nur selten darüber, wie schwierig es ist, einen Kurs in Mandarin für Siebenjährige zu finden. Denn schnell wird sie sonst in die „Eislaufecke“ geschoben und als super-ehrgeizige Mami abgestempelt. „Die Bereitschaft, Kinder zu akzeptieren, die vermeintlich ‚besser‘ sind als die eigenen, ist nicht besonders groß“, hat Susanne gemerkt. „Es gibt viel Skepsis gegenüber Hochbegabten und ihren Familien.“

Freude und Kopfzerbrechen zugleich

Auch den Eltern von Sophie bereitete das Ergebnis des Intelligenztests Freude und Kopfzerbrechen zugleich. „Eine Zeitlang haben wir uns eine Menge Gedanken gemacht. Wie redet man mit dem Kind darüber? Was erzählt man in der Familie? Hat man da jetzt eine besondere Verpflichtung?“, erinnert sich Sophies Mutter Julia. Im Nachhinein sei das vielleicht alles etwas überzogen gewesen. Mit dem Übergang in die weiterführende Schule ist das Thema Hochbegabung in der Familie wieder etwas in den Hintergrund gerückt. Entsprechend ihrem eigenen Wunsch besucht Sophie eine normale Klasse in einem normalen Gymnasium. Die Dinge, die die Teenagerin derzeit beschäftigen, klingen vertraut: Musik, What’s App, Mode… „Das Problem sind allenfalls die hohen Ansprüche, die Sophie an sich selbst stellt“, sagt ihr Vater Joachim. „Wir versuchen ihr vorsichtig klar zu machen, dass sie die Hochbegabung als Geschenk sehen soll, es aber auch nutzen soll.“

Der „normale“ Weg ist für viele Hochbegabte nicht leicht

Ganz normale Klasse, ganz normale Schule – das ist auch der Weg, den Susanne für ihre Mädchen sieht. Vielleicht wäre es in einer Klasse mit lauter Hochbegabten einfacher. Ab der fünften Klasse gäbe es dafür in der Region verschiedene Möglichkeiten. Doch Susanne und ihr Mann haben sich dagegen entschieden. Auch wenn sich jetzt schon abzeichnet, dass der „normale“ Weg kein leichter ist. „Es gibt kein tragfähiges Konzept an der Grundschule, um die Motivation der Hochbegabten zu erhalten“, bedauert Susanne. Frust und Verweigerung bei den Kindern sind typische Folgen. Susannes Wunsch wäre, die Idee der Inklusion auszuweiten auf Hochbegabte, und auch den überdurchschnittlich Intelligenten während der Schulzeit Förderstunden zuzugestehen, in denen sie sich ihrer Begabung gemäß ausleben können. Aber das ist vom Gesetzgeber nicht vorgesehen und es gibt auch Hochbegabten-Eltern, die entsprechende Vorschläge vehement ablehnen – wohl aus Angst, die besonderen Fähigkeiten ihrer Kinder würden damit in die Nähe einer Behinderung gerückt.

Als Mittel gegen Langeweile und Unterforderung wurde Lena der Sprung in die nächsthöhere Klasse empfohlen. Das Mädchen hat ihn – inhaltlich – mühelos geschafft. Doch seit dem Klassenwechsel trennen die eher kontaktscheue Siebenjährige nun zwei Jahre von ihren Mitschülern. Eine Annäherung macht das nicht leichter und das Leben – erst einmal – nicht normaler. Trotzdem will die Familie den eingeschlagenen Weg weitergehen. „So hat Lena die größte Chance, Freundschaften zu schließen und Gemeinschaft zu erleben“, sind Susanne und ihr Mann überzeugt.

(Die Namen wurden von der Redaktion geändert.)

Nicole Pollakowsky

(erschienen in StadtLandKind, Ausgabe Herbst 2014)

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