Pflegekinder: Gekommen, um zu bleiben?

Rund 70 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland leben nicht bei ihren leiblichen Eltern, sondern in Pflegefamilien. Wie fühlt es sich an, zwei Mamas und zwei Papas zu haben? Wie ist es, Kinder großzuziehen, die zwar sozial aber nicht biologisch und nur zum Teil rechtlich „die eigenen“ sind? Wir haben in Pflegefamilien nachgefragt. (Foto: Souza/pixelio)

Ein Artikel über ihn, seine Geschwister, seine Familie? Philipp versteht nicht, wozu das gut sein soll. „Was sollen wir da erzählen? Ist doch alles ganz normal hier.“ Stimmt! Alles ganz normal bei den Baumanns: Ein Reihenhaus in einem Vorort. Auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzt die Mama, Maria Baumann*, zusammen mit drei ihrer vier Kinder: Valerie ist 16, geht in die zehnte Klasse und ist im Stress wegen G8. Der 21-jährige Philipp hat im vergangenen Jahr Abitur gemacht und beginnt demnächst eine Ausbildung. Sein zwei Jahre älterer Bruder Adrian hat das Abi auch schon in der Tasche und wird derzeit zum Fachinformatiker ausgebildet. Anne, mit 25 Jahren die Älteste, ist schon ausgezogen und studiert im Ausland. Alles ganz normal. Naja, fast ganz normal. Denn Anne, Adrian, Philipp und Valerie sind nicht die leiblichen Kinder der Baumanns. Sie sind Pflegekinder. Das Jugendamt hat sie als Säuglinge beziehungsweise als Kleinkinder in die Obhut der Baumanns gegeben, weil die leiblichen Eltern nicht für sie sorgen konnten – die Kleinen wären in ihren ursprünglichen Familien gefährdet gewesen.

Fast 70 000 Kinder leben in Pflegefamilien

67 812 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland lebten zum Stichtag 31. Dezember 2013 laut Statistischem Bundesamt in Pflegefamilien. Die Unterbringung in Familien kommt den Staat deutlich günstiger zu stehen als ein Platz im Heim und auch für die Entwicklung der Kinder ist die Pflegefamilie in den meisten Fällen die bessere Wahl. Davon sind auch Maria Baumann und ihr Mann überzeugt. So richtig geplant, eine Pflegefamilie zu werden, hatte das Ehepaar nicht. Aus einer Notsituation heraus hatten die beiden vor 24 Jahren die kleine Anne auf Wunsch von deren Mutter zu sich genommen. Zunächst vorübergehend, doch bald war klar, dass die leibliche Mutter nicht mehr in der Lage sein würde, für ihre Tochter zu sorgen. „Wir hatten damals noch gar nicht über Kinder nachgedacht. Aber uns ist auch nie der Gedanke gekommen, dass wir ein Kind, das nicht von uns ist, nicht genauso lieb haben könnten“, erinnert sich Maria Baumann. Als sich zudem herausstellte, dass das Paar keine eigenen Kinder bekommen konnte, stellte es einen Antrag für ein weiteres Pflegekind. Ein halbes Jahr später kam Philipp direkt nach der Geburt in die Familie. Auf einem Pflegeelternfest schließlich lernten die Baumanns Adrian kennen. Er zog mit vier Jahren als drittes Kind bei der Familie ein.

„Die Vorstellung, sie würde wieder abgeholt, war der blanke Horror.“

Eigentlich sollte die Familiengründung damit abgeschlossen sein. Doch dann kam Valerie, ein Bereitschaftspflegekind. Geplant war, dass die Neugeborene zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren sollte, sobald diese die Voraussetzungen geschaffen hatten, um ihr Kind wieder bei sich aufnehmen zu können. „Aber Valerie blieb immer länger und wir hatten uns total verknallt in dieses kleine Baby. Die Vorstellung, sie würde wieder abgeholt, war der blanke Horror“, erzählt Maria Baumann und spricht damit Ängste an, die viele Pflegeeltern kennen. Gleichzeitig empfindet sie Mitgefühl mit Valeries Eltern: Es gelang ihnen nicht, ihre Sucht zu bewältigen. Und irgendwann war klar: Eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie war nicht vertretbar. Valerie blieb bei den Baumanns.

Wenig Kontakt zu den leiblichen Eltern

Das ist lange her. Nun sitzen da drei junge (fast) Erwachsene auf dem Sofa, grinsen und schauen, wie man halt schaut, wenn die Mutter Anekdoten von früher rauskramt. Einen Unterschied zwischen ihrer Kindheit und der von Gleichaltrigen, die in „normalen“ Familien aufgewachsen sind, sehen sie nicht. Außer vielleicht die regelmäßigen Kontakte mit dem Jugendamt. Ihre Freunde wissen, dass sie Pflegekinder sind, ein großes Thema oder gar ein Problem sei das jedoch nie gewesen. Kontakt zu ihren leiblichen Eltern haben oder hatten alle drei. Adrians Eltern sind mittlerweile gestorben. Philipp hat den Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen „Mir war das irgendwann unangenehm, ich wollte das nicht mehr“, sagt er. Valeries Vater kommt einmal im Jahr mit seiner neuen Familie zu Besuch und schreibt ab und zu.

Heimweh? Ein ganz neues Gefühl!

Konflikte gibt es auch bei den Baumanns, wie überall – jedoch keine, die auf die spezifische Situation als Pflegefamilie zurückzuführen wären, sind sich die Geschwister mit der Mutter einig. Diese Normalität hängt wohl damit zusammen, dass alle vier Kinder so früh in die Pflegefamilie gewechselt sind. Prägungen durch die Zeit davor haben allenfalls die beiden „Großen“ mitbekommen, Anne und Adrian. Maria Baumann erinnert sich, dass beide anfangs Bindungsängste hatten. „Adrian hatte die besten Erfahrungen damit gemacht, alles alleine zu regeln, keine emotionalen Abhängigkeiten zuzulassen“, erzählt sie. „Und dann kam er eines Tages völlig fassungslos von einer Klassenfahrt zurück: Er hatte zum ersten Mal furchtbares Heimweh verspürt.“ Auch Adrian erinnert sich: „Stimmt, das war überraschend – ein neues Gefühl.“ Konkrete Erinnerungen an die Zeit vor der Aufnahme in die Pflegefamilie hat Adrian nicht.

Eric wohnt jetzt „bei guten Eltern“

Das ist bei Eric anders. Er erinnert sich allzu gut, dass das Leben ziemlich grausam sein kann. Zehn Jahre ist er erst alt und hat doch schon mehr erlebt, als wohl ein Mensch ertragen kann, ohne Schaden zu nehmen – bei Eltern, die ihr eigenes Leben nicht im Griff haben, in Bereitschaftspflege, im Kinderheim und in der Psychiatrie. Seit gut einem Jahr lebt Eric dauerhaft in einer Pflegefamilie, „bei guten Eltern“, wie er sagt. Ganz selbstverständlich spricht er seine Pflegeeltern mit Mama und Papa an – und ist sich dennoch bewusst, dass da noch die andere Mama ist. Eine Mama, der es schlecht geht, so schlecht, dass sie sich nicht um ihn kümmern kann. Eine Mama, um die Eric sich große Sorgen macht. Aber auch eine Mama, die kein Interesse an ihrem Sohn zeigt, ihn immer wieder zurückweist und damit tief verletzt.

Kontakt zur Herkunftsfamilie genießt hohe Priorität

Für Pflegeeltern und Jugendamt keine leichte Situation. Dem Kontakt zur Herkunftsfamilie wird aus Gründen der Identitätsfindung hohe Bedeutung eingeräumt. Die leiblichen Eltern behalten das Besuchsrecht auch dann, wenn ihnen das Sorgerecht entzogen wurde. Und Pflegeeltern verpflichten sich, diese Besuchskontakte zu unterstützen, so lange das Kind sie nicht ablehnt. Umso bitterer ist es, wenn das Kind sich Kontakt wünscht, dieser Wunsch jedoch regelmäßig enttäuscht wird. Erics Pflegeeltern können der schwierigen Situation dennoch auch eine positive Seite abgewinnen: „Da die Mutter sich nicht meldet, besteht für uns auch nicht die Sorge, dass Eric wieder in seine Herkunftsfamilie zurückkehren könnte“, sagt Pflege-Papa Martin Werner. Mehr und mehr sind er und seine Frau Iris in den vergangenen Monaten in ihre anfangs noch ungewohnte Elternrolle hineingewachsen, sie schmieren Pausenbrote, organisieren den Kindergeburtstag, spielen Lego. Trotzdem: „Alles ganz normal“, können die Werners über ihr Familienleben noch nicht sagen. Zu lang sind die Schatten, die Erics Vergangenheit noch immer wirft.

Zum ersten Mal: klare Strukturen, feste Bezugspunkte

Die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt empfinden die Pflegeeltern als Unterstützung in der neuen Lebensphase. „Dem Jugendamt ist es zum Beispiel wichtig, dass es uns auch als Paar gut geht“, sagt Iris Werner. Durch das vom Amt gezahlte Pflegegeld konnte sie ihre Arbeitszeit zu reduzieren, um mehr für Eric da zu sein. Dessen Leben hat nun zum ersten Mal eine feste Struktur mit verlässlichen Bezugspunkten. „Alles was vor unserer Zeit war, können wir nicht beeinflussen“, sagt Martin Werner. „Aber wir können das Beste daraus machen.“ Mit seiner Frau freut er sich darüber, dass Eric anfängt Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen, darüber dass er beginnt in die Zukunft zu denken und über viele andere kleine, vermeintlich ganz normale Dinge. Aber vielleicht ist in manchen Situationen ja gerade das Normale das Außergewöhnliche. Und die Helden sind diejenigen, die ganz im Stillen mit Geduld und Liebe Normalität in kleine Leben bringen. In Leben, die ohne ihr Zutun sehr wahrscheinlich völlig anders verlaufen wären.

*Alle Namen von der Redaktion geändert.

Nicole Pollakowsky

(erschienen in StadtLandKind Ausgabe Juni 2015)

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