In der Aufwärtsspirale: Upcycling in Mannheim

Foto: Comebags Text: N Pollakowsky_Upcycling

Die Mannheimer Unternehmer Christian Tschürtz und Martin Michalek folgen mit ihren Geschäftsmodellen dem Trend des Upcycling. Aus „alt aber noch gut“ wird dabei „neu und noch besser“. (Foto: Comebags)

Christian Tschürtz verkauft Taschen. Und Martin Michalek verkauft Möbel. Auf den ersten Blick ist das nichts Besonderes, auf den zweiten Blick schon. Denn sowohl die Taschen von Tschürtz als auch die Möbel von Michalek hätten einiges zu erzählen – wenn sie denn erzählen könnten. „Ich war mal ein Werbebanner“, würde dann die rote Umhängetasche berichten, auf deren Deckel der Ausschnitt eines Sportwagens zu erkennen ist. Und wer genauer hinschaut, wird sicher auch irgendwo den Schriftzug entdecken, demzufolge nichts unmöglich ist. Seit Juni 2013 können Unternehmen an Christian Tschürtz ihre ausgedienten PVC-Werbeplakate, Planen oder Fahnen schicken. Bei der Lebenshilfe Bruchsal stellen Menschen mit Behinderung daraus dann je nach Auftrag Taschen, Handy-Hüllen, Grillschürzen oder Kissenbezüge her. „Comebags“ lautet der sinnige Name dieser Unternehmung. „Der Grundgedanke war, aus tollen ausgedienten Bannern tolle neue Taschen herzustellen“, erzählt Tschürtz, der hauptberuflich als freier Werbegrafiker arbeitet. Taschen aus alten Planen nähen – der Einfall ist nicht ganz neu. Doch die Nische, das Ganze als Dienstleistung ausschließlich für den B2B-Bereich anzubieten, teilt sich der Mannheimer nur mit wenigen Mitbewerbern. Tschürtz‘ Kunden kommen aus ganz Deutschland. Vor allem größere Firmen und staatliche Einrichtungen, die über Werbebudgets verfügen, ordern bei Comebags. Die Taschen verwenden sie als Incentives oder als Kundengeschenke. Weiterverkauft würden die Produkte hingegen nur von wenigen Auftraggebern, so der Gründer.

Exotisches vom Bootsfriedhof

Die Kunden von Martin Michalek sind vorwiegend Privatleute, die – vermutlich – ihrer Wohnung einen Hauch von Exotik verleihen wollen. Denn exotisch ist in dem direkt am Kaiserring gelegenen Geschäft mit dem Namen „Smartindo“ so ziemlich alles. Martin Michalek verkauft hier, ebenso wie in seinem zweiten Laden in Heilbronn, Einrichtungsgegenstände, die er aus Indien und Indonesien importiert. Außergewöhnlich macht die Möbel und Accessoires aber vor allem die Tatsache, dass auch ihre Funktion in vielen Fällen ursprünglich eine ganz andere war. Laternen aus alten Keksdosen stehen hier, Bilderrahmen aus Türrahmen. Besonders angetan haben es dem Inhaber die Schränke, die aus alten Fischerbooten gezimmert werden. „Auf einer Weltreise vor gut fünf Jahren habe ich in Indonesien kleine Schreinereien entdeckt, die aus ausgedienten Einbäumen Regale gebaut haben“, erzählt Michalek. Diese Idee ließ ihn nicht mehr los. Statt für die angebotene Stelle in einem Medizintechnik-Unternehmen entschied er sich für den Handel mit dem asiatischen Mobiliar. Über Bootsfriedhöfe laufen und die schönsten Stücke für die Möbelproduktion aussuchen – für den 29-Jährigen gehört das zu den ganz besonderen Momenten während seiner Asien-Aufenthalte. Gefertigt werden die Smartindo-Produkte in kleinen Handwerksbetrieben vor Ort. Der studierte Betriebswirt kennt seine Partner persönlich und legt Wert auf gute Arbeitsbedingungen. Kinderarbeit und Ausbeuterei sind tabu.

Einzelstücke mit Vor-Leben

Upcycling heißt das Prinzip, auf dem sowohl das Geschäftsmodell der Comebags als auch das von Smartindo beruht. Zugeschrieben wird die „Erfindung“ dieses Begriffs dem Ingenieur Reiner Pilz. 1994 sagte er einer britischen Zeitschrift: „Recycling? Ich nenne es Down-cycling. Sie schlagen Steine kaputt, sie schlagen alles kaputt. Was wir brauchen, ist Up-cycling, bei dem alte Produkte einen höheren Wert erhalten, keinen geringeren.” Diese Idee findet immer mehr Anhänger. Das belegt die wachsende Zahl von einschlägigen Foren, Blogs und Shops im Internet. Eine Entwicklung, die zu tun hat mit dem Überdruss an der Wegwerfmentalität. Aber nicht nur damit. Der Aspekt der Müllvermeidung stehe für die meisten Kunden beim Kauf nicht im Vordergrund, erklären Tschürtz und Michalek übereinstimmend. Die ressourcenschonende Herstellung seiner Möbel sei weniger Leuten wichtig, als er dachte, sagt Michalek.

Es sind andere Faktoren, die upcycelte Produkte sexy machen – nicht zuletzt ihr Vor-Leben. Denn welcher Möbelhaus-Kunde kann schon sagen: „Mein Regal ist einst im Indischen Ozean geschwommen.“ Hinzu kommt: Upcycelte Gegenstände sind einzigartig. Wenn aus einem Banner vom Katholikentag acht Taschen genäht werden, dann ist nur auf einer einzigen der Stadtplanausschnitt mit dem Wasserturm zu sehen. Auch der große Esstisch, der mitten im Laden von Martin Michalek steht, ist so kein zweites Mal zu haben. Denn die Bohlen, aus denen der Tisch gezimmert ist, kommen nicht direkt aus dem Sägewerk. Sie stammen von Häusern oder alten Fabrikgebäuden, die abgerissen wurden. Der ursprüngliche Farbanstrich ist an vielen Stellen noch zu erkennen und gibt dem Möbel seinen individuellen Charakter. Entscheidend jedoch, auch hier decken sich die Aussagen der beiden Unternehmer, sei der soziale Aspekt, die faire Produktion.

Kooperation mit der Lebenshilfe

„Bei uns gibt es keine Akkordarbeit und keine Massenfertigung“, betont Tschürtz. Seine Partner hat auch er sich ganz genau angeschaut und sich bewusst für die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe entschieden. Seine Abnehmer wissen und schätzen das. „Für die Kunden ist es sehr wichtig, dass die Taschen in einem sozialen Projekt in Deutschland genäht werden“, ist Tschürtz überzeugt. Etwa 200 der Comebags entstehen derzeit pro Monat. Die Nachfrage liegt laut Tschürtz deutlich darüber. Am eingeschlagenen Weg will er trotzdem nichts ändern. Die Entscheidung ob und wann die Kapazität hochgefahren wird, überlässt er den Partnern in Bruchsal. Für ihn bleiben die Comebags damit erstmal ein „schönes Hobby“. Die Rentabilität stehe dabei nicht im Vordergrund. Ein Grund zum Hadern ist das für Tschürtz aber nicht. „Lieber klein bleiben und authentisch“, sagt er und wartet, was die Zukunft bringt.

(der Text ist erschienen in econo Rhein-Neckar 3/2014)