Statt-Garten: Urban Gardening in Ludwigshafen

Foto: NicoLeHe_pixelio.de Text: N Pollakowsky_Urban Gardening

Urban Gardening ist in. Auch in Ludwigshafen wird im hack-museumsgARTen mitten in der Stadt gepflanzt, gegossen und geerntet – doch das ist längst nicht alles. Von der Eigendynamik, die das Garten-Projekt entwickelt hat, sind selbst die Initiatoren überrascht. (Foto: NicoLeHe_pixelio.de)

Werner Wegmann ist Frühaufsteher. Jeden Morgen, oft schon gegen sechs Uhr, kommt er aus seiner nahegelegenen Wohnung auf den Hans-Klüber-Platz, um nach dem Rechten zu sehen. Vor allem aber um zu gießen. Sein Einsatz lohnt sich: Prächtig und farbenfroh sprießen Tulpen und Narzissen in „seinem“ Garten. Sind sie verblüht, folgen die Sommerblumen – ein Margeriten-Bäumchen hat der Stadtrat a.D. schon gekauft. Auch zwei bunte Schilder hat er gemalt. Auf einem steht: „Aus einem schönen Garten erwächst eine schöne Stadt!“ Und wer sich anschaut, was hier mitten in der Ludwigshafener City entstanden ist, mag das nur zu gerne glauben: Auf dem tristen Platz zwischen Wilhelm-Hack-Museum, Staatsphilharmonie und Arbeitsamt, wo früher allenfalls ein paar Dealer herumlungerten oder Hundebesitzer Gassi gingen, blühen heute Obstbäumchen, rankt Hopfen und wachsen Erdbeeren. Hier treffen Rentner auf Schüler, Deutsche auf Migranten, Neuzugezogene auf Alteingesessene, Christen auf Muslime, Besserverdiener auf Hartz-IV- Empfänger. Und nicht zuletzt: Kunst auf Natur.

Kaum Streit, kein Vandalismus

Das alles ist kein Zufall, sondern Teil eines Plans. Doch dass dieser Plan aufgeht, dass es tatsächlich zum Austausch zwischen so vielen sozialen Gruppierungen kommt, dass es kaum Streit gibt und noch weniger Vandalismus – das empfindet Theresia Kiefer noch immer als ein Wunder. 2012 hat die Kuratorin des Wilhelm-Hack-Museums auf dem Klüber-Platz den hack-museumsgARTen als Urban-Gardening-Projekt initiiert. Seitdem hat der Platz sein Gesicht verändert, ist grüner geworden und kommunikativer. Ein kunstvoll gestalteter Brunnen aus recycelten Materialien plätschert und klingelt. Überall laden Sitzecken und Gartenbänke zum Verweilen ein. Den besten Überblick hat man von dem 2,20 Meter hohen Riesen-Blumentopf des Künstlers Rainer Ecke, der wie ein Wahrzeichen inmitten des Areals steht und erklettert werden kann.

Die Schönheit erschließt sich auf den zweiten Blick

Ein bisschen chaotisch wirkt das ganze Ensemble von oben betrachtet. Eine Parkanlage sieht anders aus. Doch die Schönheit des Projekts erschließt sich auf den zweiten Blick, beim Blick aufs Detail, der deutlich macht, mit wie viel Hingabe und Ernsthaftigkeit hier zu Werke gegangen wird. Da ist zum Beispiel das Bibelgärtchen der evangelischen Kirche Ludwigshafen, in dem auf wenigen Quadratmetern Nahrungs-, Gewürz, Genuss- und Heilpflanzen wachsen, die schon in der Bibel erwähnt werden. An einer anderen Stelle stehen mehrere Kisten, die von einer türkischen Familie bepflanzt werden. Wieder ein paar Meter weiter hat die Wittelsbach Grundschule einen mobilen Garten angelegt. Einmal die Woche findet hier der Unterricht statt, ein Teil der Beete soll später auf den Schulhof wandern.

Hack-Gärtnerin aus der Ukraine

Auch Valentyna Sobetska ist unter die Hack-Gärtner gegangen. Vor fünf Monaten ist sie aus der Ukraine nach Deutschland gekommen – der Liebe wegen. Ihren großen Garten konnte sie nicht mitnehmen. Stattdessen legt sie heute im Hackgarten ihr eigenes Beet in einer Kiste an. „Karotten werden darin nicht wachsen“, schätzt sie. „Aber Radieschen, Sauerampfer, Salat, Rucola – das wird gehen.“ Die Ukrainerin sprüht vor Einfällen. Einen großen Topf würde sie gerne aufstellen und darin alles pflanzen, was man für die Rote-Beete-Suppe Borschtsch braucht. Etwas ärgerlich wird Valentyna Sobetska, als sie entdeckt, dass ein Sportverein bereits die gleiche Idee hatte – nur für Eintopf statt für Borschtsch. Die Zutaten wachsen schräg gegenüber in einem großen Metalltopf. Macht nichts, Valentyna überlegt sich etwas anderes …

Kaffeekannen als Pflanzgefäße

Auf dem Klüber-Platz grünt es aus Kisten und Kästen. Plastikflaschen dienen ebenso als Pflanzgefäße wie Transportsäcke, Kaffeekannen, Fässer oder alte Koffer. Manches ist hart an der Grenze zum Kitsch, aber „das gehört dazu“, findet Projektleiterin Theresia Kiefer. Der kreative Spielraum ist groß, Vorgaben wie und was gepflanzt werden darf, gibt es nicht. Die Gärtner entscheiden selbst – und organisieren selbst. Mit Begeisterung und auch ein bisschen Verwunderung beobachtet die Kuratorin, welche Dynamik das Ganze mittlerweile entwickelt hat.

Café unter freien Himmel

An einem Tisch zwischen den Beeten sitzen Eva Röntz und Simone Dilger in der Sonne, trinken Kaffee und knabbern Kekse. Der Hackgarten ist ihr Café geworden. Hier treffen sich die beiden Freundinnen zum Plaudern und neuerdings auch zum Gärtnern. „Der Platz war vorher eine Katastrophe“, erinnert sich Eva Röntz. Seit zwei Jahren verfolgt die gebürtige Ludwigshafenerin gespannt das Treiben im Museumsgarten. Als sie im März einen Zettel entdeckte mit der Aufschrift „Beet verwaist“, zögerte sie nicht lange und übernahm die Patenschaft. Begeistert präsentiert sie nun die ersten grünen Triebe ihrer Ringelblumen-Zucht. Die Freundin will in ihrem Beet künftig Rettiche ernten. „Auf meinen kleinen Balkon zu Hause kommt zu wenig Sonne, da wächst nichts“, erzählt Eva Röntz. Auf dem Klüber-Platz fehlt es nicht an Sonne und ebenso wenig an Leuten, die den Neulingen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Atmosphäre empfinden die beiden Frauen als ungezwungen.

„Alles kann, nichts muss“, scheint das Motto der Gartengemeinschaft zu sein. Wer sich einbringen möchte, kann an den regelmäßigen Treffen teilnehmen, auf denen die Gärtner sich austauschen und neue Aktionen planen. Eines der jüngsten Gemeinschaftsprojekte ist der Kiosk: Die Transportkiste eines Kunstwerks für das Museum haben die Gärtner dafür zweckentfremdet und sie mit Tür und Klappläden, Regenrinne und Kühlschrank versehen. Mit ihren geometrisch bemalten Außenwänden, die an die Gemälde von Piet Mondrian erinnern, ist die Ausschankbude nun selbst zum Kunstwerk geworden.

Arbeit in Kreisläufen

Ursprünglich auf ein Jahr angelegt, läuft das Projekt hackgARTen inzwischen in der dritten Saison. Aufhören dürfte schwierig werden. „Die Gärtner sind richtig euphorisch“, beschreibt Theresia Kiefer die Stimmung. Immer neue Ideen werden geboren. Geradezu symbolisch für das Denken in längerfristigen Zyklen ist der Komposthaufen, der in einer Ecke des Gartens angelegt wurde. „Wir beginnen in Kreisläufen zu arbeiten“, so Kiefer. „In nur einem Jahr geht das nicht.“

Und nicht nur die Natur braucht Zeit, sondern auch die Auseinandersetzung mit der Kunst: Gerne würde Theresia Kiefer ein viel breiteres Publikum für ihr Museum begeistern. Doch auch dafür ist ein langer Atem gefragt. Obwohl Hack-Garten und Hack-Museum direkt nebeneinander liegen, ist die gefühlte Barriere von draußen nach drinnen für Viele immer noch zu hoch. „Der Schritt durch die Tür ist ein Riesenthema“, beschreibt die kommissarische Leiterin die Herausforderung, vor der ihr Haus wie viele Museen steht. Das Außenraumprojekt nutzt sie – ganz behutsam – als Türöffner und lenkt auf dem Umweg durch den Garten Menschen in ihre Ausstellungen, die dort sonst vielleicht nie vorbeigeschaut hätten. Der lateinamerikanische Tanztreff, der in der Sommerzeit im Garten übt, trifft sich im Winter zum Tanzen im Museum. Die Volkshochschule kommt mit ihren sogenannten „MaMa-Kursen“, Deutschkursen speziell für Mütter, zum Schauen und Schnuppern immer wieder im Hackgarten vorbei. Der Schritt ins Museum ist dann nicht mehr weit – bei Regen kann drinnen weiter gelernt werden. Sämtliche Hack-Gärtner haben sowieso freien Eintritt. René Zechlin, seit Mai neuer Direktor des Hack-Museums, hat die Gärtner bereits vor seinem Amtsantritt besucht. Auch er steht dem Urban Gardening-Projekt positiv gegenüber.

Zaun als psychologische Barriere

Nur ein wackeliger Bauzaun aus Metall begrenzt die grüne Oase. Abends wird abgeschlossen – aber eigentlich nur der Form halber. Denn dass der Zaun keine echte Barriere darstellt, sieht jeder. „Es ist mehr eine psychologische Schwelle“, erklärt Theresia Kiefer. Der Trick scheint zu funktionieren. „Es kommt wenig weg. Auch Pflanzen werden nicht zerstört“, sagt die Kuratorin. „Ich glaube, das liegt daran, dass so viele unterschiedliche Menschen das Projekt tragen und mit Herzblut betreiben. Das schützt.“

(der Text ist erschienen in UbiBene, Ausgabe Sommer 2013)

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